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Meine Mutter braucht ein eigenes Zimmer — was tun?

Du pflegst deine Mutter zu Hause, aber die Wohnung ist zu klein. Welche Zuschüsse, Fördertöpfe und Alternativen dir helfen — mit konkreten Beträgen und Schritten.

(aktualisiert: ) 8 Min. Lesezeit
Inhalt dieses Artikels

Du teilst dir 55 Quadratmeter mit deiner Mutter.

Sie schläft im Wohnzimmer. Du schläfst im Schlafzimmer. Du weißt, dass sie ein eigenes Zimmer braucht. Nicht als Luxus — sondern damit ihr beide nicht verrückt werdet. Aber du hast die Mieten in deiner Stadt gesehen. Eine 3-Zimmer-Wohnung kostet 200 bis 400 Euro mehr im Monat. Das Geld hast du nicht.

Du bist nicht geizig. Du bist nicht unfähig. Du bist jemand, der seine Mutter pflegt und gleichzeitig Miete zahlt — und irgendwann rechnet sich das einfach nicht mehr. Hier ist, was du tun kannst.


TL;DR — Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Was passiert: Du pflegst zu Hause, aber die Wohnung ist zu klein — kein eigenes Zimmer für deine Mutter.
  • Warum das ein Problem ist: Ohne Rückzugsort steigt die Belastung für euch beide. Die Pflege leidet, du leidest.
  • Was möglich sein kann: Bis zu 4.180 € Zuschuss von der Pflegekasse für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen (§ 40 SGB XI) — wenn die Voraussetzungen passen. Außerdem gibt es weitere Stellen, die du prüfen solltest.
  • Was du tun kannst: Du kannst Pflegekasse UND KfW-Förderung prüfen — aber nicht für dieselbe Maßnahme. Unterschiedliche Maßnahmen können getrennt gefördert werden.
  • Nächster Schritt: Ruf morgen bei deiner Pflegekasse an und frag nach “Zuschüssen für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen nach § 40 SGB XI”. Das ist der Einstieg.

Warum das passiert — Es liegt nicht an dir

In Deutschland werden die allermeisten pflegebedürftigen Menschen zu Hause gepflegt — in Wohnungen, die nie für Pflege geplant wurden. Kleine Wohnungen, enge Flure, ein Bad ohne Platz für einen Rollstuhl. Die Wohnung war für ein Leben ohne Pflege gebaut.

Und dann kommt der Pflegegrad. Vielleicht ist deine Mutter aus dem Ausland nachgezogen. Vielleicht hat sich ihr Zustand verschlechtert. Plötzlich teilt ihr euch einen Raum, der schon für eine Person eng war.

Das Problem ist nicht, dass du etwas falsch gemacht hast. Das Problem ist, dass das System davon ausgeht, dass Pflege irgendwie in jede Wohnung passt. Tut sie nicht. Aber es gibt Geld, das genau dafür vorgesehen ist — und viele Familien wissen es nicht.


Was du tun kannst — Dein Handlungsplan

Sofort — Was du HEUTE tun kannst

Prüfe, ob Wohnraumanpassung eine Option ist (bevor du umziehst)

Bevor du eine teurere Wohnung suchst, prüfe: Kannst du die jetzige Wohnung anpassen? Manchmal reicht ein Raumteiler, ein Umbau, oder eine clevere Umstrukturierung. Das ist fast immer billiger als Umzug — und die Pflegekasse bezahlt bis zu 4.180 € pro Maßnahme dafür.


Diese Woche — Die 5 Fördertöpfe durchgehen

Hier wird es konkret. Es gibt mindestens 5 Förderprogramme, die dir helfen können — je nach Situation einzeln oder kombiniert.


Fördertopf 1: Wohnraumanpassung über die Pflegekasse — bis zu 4.180 € je Maßnahme

Rechtsgrundlage: § 40 Abs. 4 SGB XI

Die Pflegekasse zahlt Zuschüsse für “Maßnahmen zur Verbesserung des individuellen Wohnumfeldes” — wenn dadurch die häusliche Pflege ermöglicht, erleichtert, oder eine selbstständigere Lebensführung wiederhergestellt wird. (Quelle: BMG)

Details
Wer?Alle mit Pflegegrad 1 bis 5
Wie viel?Bis zu 4.180 € pro Maßnahme
Mehrfach möglich?Ja! Wenn sich die Pflegesituation ändert, kann der Zuschuss erneut beantragt werden
Was zählt als Maßnahme?Türverbreiterung, Rampe, Treppenlift, Bad-Umbau, fest eingebautes Mobiliar, technische Hilfen
Wo beantragen?Bei deiner Pflegekasse (= Krankenkasse)
BearbeitungZeiten variieren. Starte erst nach schriftlicher Zusage der Pflegekasse.

💡 Hinweis: Die 4.180 € gelten pro Maßnahme — nicht pro Jahr, nicht pro Person. Wenn du das Bad umbauen lässt (Maßnahme 1) und später einen Treppenlift brauchst (Maßnahme 2), kannst du den Zuschuss zweimal bekommen. Verändert sich die Pflegesituation (z.B. neuer Pflegegrad), können sogar bereits geförderte Maßnahmen erneut bezuschusst werden.

⚠️ Wichtig: Die Pflegekasse muss den Antrag genehmigen, bevor du den Umbau startest. Erst beantragen, dann beauftragen.

So beantragst du es:

  1. Ruf bei deiner Pflegekasse an: “Ich pflege meine Mutter zu Hause. Die Wohnung muss angepasst werden. Ich möchte einen Zuschuss für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen nach § 40 SGB XI beantragen.”
  2. Du erhältst ein Formular oder wirst an den Medizinischen Dienst verwiesen.
  3. Hol 1-2 Kostenvoranschläge von Handwerkern ein.
  4. Reiche alles ein. Warte auf die schriftliche Zusage, bevor du Handwerker beauftragst.

Fördertopf 2: KfW-Zuschuss 455-B — 10 bis 12,5 % der Umbaukosten

Quelle: KfW — Barrierereduzierung Investitionszuschuss (Nr. 455-B)

Die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) fördert den barrierefreien Umbau von Wohnungen — unabhängig von Alter oder Pflegegrad.

Details
Wer?Eigentümer UND Mieter (mit Zustimmung des Vermieters)
Wie viel?10 % der förderfähigen Kosten (Einzelmaßnahmen) / 12,5 % (Standard “Altersgerechtes Haus”)
AntragstellungÜber das KfW-ZuschussportalVOR Beginn der Maßnahme
Kostenlose Hotline0800 539 9002 (Mo–Fr 8–18 Uhr)
Status (Mai 2026)Antragstellung ist laut KfW wieder möglich. Prüfe vor Antrag trotzdem den aktuellen Programmstatus auf kfw.de, weil KfW-Programme pausieren können

💡 Kombinierbar mit Pflegekasse — aber nur sauber getrennt: KfW fördert keine Maßnahme, die bereits über die soziale Pflegeversicherung oder private Pflege-Pflichtversicherung gefördert wird. Beispiel: Wenn die Pflegekasse den Bad-Umbau bezuschusst, kannst du für diesen Bad-Umbau keinen KfW-Zuschuss zusätzlich ansetzen. Eine andere Maßnahme, etwa ein Treppenlift oder ein barrierearmer Zugang, kann separat über KfW geprüft werden.


Fördertopf 3: KfW-Kredit “Altersgerecht Umbauen” — bis zu 50.000 €

Für größere Umbauten gibt es zusätzlich einen zinsgünstigen Kredit:

Details
KreditbetragBis zu 50.000 €
ZinssatzAktuelle Konditionen siehe kfw.de
Wer?Eigentümer, Mieter, WEGs, Wohnungsunternehmen
Wofür?Barriereabbau, Sanitärumbau, Assistenzsysteme, Treppenlifte, Rampen

(Quelle: BMG — Zuschüsse zur Wohnungsanpassung)


Fördertopf 4: Wohngeld mit Pflegegrad-Freibetrag — bis zu 1.800 € weniger Einkommen gerechnet

Rechtsgrundlage: § 17 Nr. 1 Buchst. b WoGG

Viele wissen nicht: Wenn deine Mutter pflegebedürftig ist (Pflegegrad 1–5) und häuslich, teilstationär oder in Kurzzeitpflege versorgt wird, gibt es beim Wohngeld einen Freibetrag von 1.800 € pro Jahr auf das Einkommen — ebenso bei einem GdB von 100.

Details
Wer?Haushaltsmitglieder mit GdB 100 ODER Pflegebedürftigkeit (Pflegegrad 1–5) bei häuslicher, teilstationärer oder Kurzzeitpflege
Was?1.800 € Freibetrag — dieses Einkommen wird bei der Wohngeld-Berechnung NICHT mitgerechnet
EffektHöheres Wohngeld, weil das anrechenbare Einkommen sinkt
Wo beantragen?Wohngeldstelle deiner Stadt/Gemeinde

💡 Wichtig zu wissen: Pflegegrad und GdB sind zwei getrennte Verfahren. Ein Pflegegrad führt nicht automatisch zu einem bestimmten GdB. Wenn bei deiner Mutter zusätzlich eine Behinderung vorliegt oder wahrscheinlich ist, kann ein Antrag beim Versorgungsamt sinnvoll sein. Ein festgestellter GdB 100 kann den Wohngeld-Freibetrag ebenfalls auslösen.

Wenn du genau diese Schnittstelle sortieren willst, lies zusätzlich: → Behindertenausweis bei Pflegegrad.

Rechenbeispiel:

Ohne Freibetrag: Einkommen 1.400 €/Monat → Wohngeld: z.B. 180 €/Monat Mit Freibetrag (1.800 €/Jahr = 150 €/Monat weniger Einkommen): → Wohngeld: z.B. 250 €/Monat

Die genauen Beträge hängen von Mietstufe, Haushaltsgröße und lokalem Mietniveau ab. → Offizieller Wohngeldrechner (länderübergreifend)


Fördertopf 5: Grundsicherung im Alter — Übernahme der Mietkosten

Rechtsgrundlage: § 42a SGB XII

Hat deine Mutter kein eigenes Einkommen (oder nur ein sehr geringes), kann das Sozialamt die angemessenen Kosten für Unterkunft und Heizung übernehmen — auch wenn sie bei dir wohnt.

Details
Wer?Personen ab 65 Jahren (oder dauerhaft voll erwerbsgemindert) mit geringem Einkommen und Vermögen
Was wird gezahlt?Anteilige Mietkosten + Heizung — bemessen nach Haushaltsgröße und angemessener Miete
Besonderheit:Wenn deine Mutter bei dir lebt und KEINEN Mietvertrag hat, wird der Bedarf rechnerisch ermittelt (Differenz der angemessenen Miete für Mehrpersonenhaushalt vs. eine Person weniger)
Wo beantragen?Sozialamt deiner Stadt/Gemeinde

💡 Das bedeutet: Wenn du in eine größere Wohnung ziehst, könnte das Sozialamt den Mehrkostenanteil deiner Mutter übernehmen — vorausgesetzt, die Gesamtmiete bleibt “angemessen” (was die Kommune festlegt). Frag beim Sozialamt VOR dem Umzug nach, was in deiner Stadt als angemessene Miete gilt.


Bonus: Wohnberechtigungsschein (WBS) mit Pflegegrad

Wenn du umziehen musst, kann ein Wohnberechtigungsschein helfen. Damit hast du Zugang zu Sozialwohnungen, die deutlich günstiger sind als der freie Markt.

Wichtig bei Pflege: In vielen Bundesländern und Kommunen kann bei Pflegebedürftigkeit oder Behinderung ein zusätzliches Zimmer anerkannt werden — das heißt, ein WBS für eine größere Wohnung kann möglich sein.

  • Wo beantragen: Wohnungsamt/Wohngeldbehörde deiner Stadt
  • Was mitbringen: Einkommensnachweise, Pflegegrad-Bescheid, ggf. Schwerbehindertenausweis

⚠️ Achtung: Die Regeln für den WBS und die Anerkennung von zusätzlichem Wohnraum variieren von Bundesland zu Bundesland. Frag bei deiner Wohngeldbehörde konkret nach: “Wird bei Pflegebedürftigkeit ein zusätzliches Zimmer berücksichtigt?”


Übersicht: Alle 5 Fördertöpfe auf einen Blick

FördertopfBetrag / VorteilWo beantragenRechtsgrundlage
1. Wohnraumanpassung PflegekasseBis zu 4.180 € je MaßnahmePflegekasse§ 40 SGB XI
2. KfW-Zuschuss 455-B10–12,5 % der UmbaukostenKfW-ZuschussportalKfW-Programm 455-B
3. KfW-KreditBis 50.000 € (Konditionen siehe kfw.de)KfWKfW-Programm “Altersgerecht Umbauen”
4. Wohngeld-Freibetrag1.800 €/Jahr weniger anrechenbares EinkommenWohngeldstelle§ 17 Nr. 1 b WoGG
5. GrundsicherungAnteilige Mietkosten + HeizungSozialamt§ 42a SGB XII
Bonus: WBSZugang zu günstigeren Sozialwohnungen (+ Extra-Zimmer)WohnungsamtLandesrecht

💬 Was du sagen kannst — Gesprächs-Scripte

Bei der Pflegekasse (Wohnraumanpassung):

“Ich pflege meine Mutter zu Hause. Die Wohnsituation ist nicht pflegegerecht. Ich möchte einen Zuschuss für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen nach § 40 SGB XI beantragen. Können Sie mir das Antragsformular schicken?”

Beim Sozialamt (Grundsicherung):

“Meine Mutter lebt bei mir und hat Pflegegrad [X]. Sie hat kein eigenes Einkommen. Ich möchte prüfen, ob sie Anspruch auf Grundsicherung hat — insbesondere auf Übernahme der anteiligen Mietkosten.”

Bei der Wohngeldstelle:

“Wir sind ein Zwei-Personen-Haushalt. Meine Mutter ist pflegebedürftig und wird zu Hause gepflegt. Ich möchte Wohngeld beantragen und fragen, ob der Freibetrag nach § 17 WoGG für Pflegebedürftige berücksichtigt wird.”

Beim Wohnungsamt (WBS):

“Ich benötige einen Wohnberechtigungsschein. Meine Mutter ist pflegebedürftig und lebt bei mir — wird in diesem Fall ein zusätzliches Zimmer bei der Wohnungsgröße berücksichtigt?”


🚫 Was du NICHT tun solltest

Einfach umziehen, ohne vorher beim Sozialamt nachzufragen → Wenn du ohne vorherige Zusicherung umziehst, riskierst du, dass das Sozialamt die höhere Miete NICHT anerkennt. Immer VOR dem Umzug klären.

Die Pflegekasse nur einmal fragen und aufgeben → Viele Sachbearbeiter kennen § 40 Abs. 4 SGB XI nicht im Detail. Wenn die erste Antwort “Nein” ist: schriftlich beantragen, Paragraf nennen, Frist prüfen und bei Unsicherheit Pflegeberatung, Sozialverband oder anwaltliche Beratung hinzuziehen.

Wohnraumanpassung und Umzug als Entweder-oder sehen → Manchmal ist Anpassung der jetzigen Wohnung die bessere Lösung. Manchmal ist Umzug mit Förderung günstiger als du denkst. Prüfe beides.

Deiner Mutter die Schuld geben → Sie hat sich nicht ausgesucht, pflegebedürftig zu sein. Die Wohnung ist das Problem — nicht sie, nicht du.


💰 Was viele Familien nicht wissen

LeistungBetrag / UmfangVoraussetzungMehr Infos
Wohnraumanpassung (Pflegekasse)Bis 4.180 € je MaßnahmePflegegrad 1–5, häusliche Pflege§ 40 SGB XI
KfW-Zuschuss 455-B10–12,5 % der KostenEigentümer oder Mieter→ KfW 455-B
Wohngeld-Freibetrag1.800 €/Jahr FreibetragPflegegrad + häusliche/teilstationäre/Kurzzeitpflege (oder GdB 100)§ 17 Nr. 1 b WoGG
Grundsicherung im AlterAnteilige MietkostenGeringes Einkommen, ab 65 J. oder dauerhaft erwerbsgemindert§ 42a SGB XII
Entlastungsbetrag131 €/MonatPflegegrad 1–5§ 45b SGB XI
VerhinderungspflegeBis 3.539 €/JahrPflegegrad 2–5→ Ratgeber: Verhinderungspflege 2026

💡 Hinweis: Die 4.180 € Wohnraumanpassung der Pflegekasse können mehrfach beantragt werden — bei jeder neuen Maßnahme und bei veränderter Pflegesituation. Das ist kein einmaliger Zuschuss.


✅ Deine nächsten Schritte — Was du MORGEN FRÜH tust

  1. Ruf bei deiner Pflegekasse an — Frag nach dem Zuschuss für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen nach § 40 SGB XI. Bürgertelefon Pflegeversicherung: 030 340 60 66-02
  2. Ruf bei deiner Wohngeldstelle an — Frag, ob du Anspruch auf Wohngeld hast und ob der Pflegegrad-Freibetrag berücksichtigt wird.
  3. Schreib deine Wohnsituation auf — Quadratmeter, Zimmeranzahl, wer wo schläft, welche Hilfsmittel stehen wo. Das brauchst du für jeden Antrag.

Du bist nicht allein

Du trägst gerade zwei Lasten gleichzeitig: die Pflege deiner Mutter und die Miete für eine Wohnung, die für euch beide nicht reicht. Das ist viel. Zu viel, wenn man beides alleine stemmt.

Es wird nicht über Nacht besser. Aber morgen hast du einen Plan. Und übermorgen einen Antrag.

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Quellen


Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung. Bei individuellen Fragen wende dich an deine Pflegekasse, das Sozialamt deiner Stadt, oder eine Pflegeberatungsstelle.